Der Heimweg

Pilgern geschieht zielgerichtet. Ich pilgere nachSantiago de Compostela. Doch Santiago ist nur ein Zwischenziel. Das eigentliche Ziel ist der Ort, von dem ich aufgebrochen bin. Mein zu Hause. Im Mittelalter war es selbstverständlich, dass auch der Rückweg gepilgert wurde. Heute ist das eher selten. Diejenigen, die  auch den Rückweg ganz oder teilweise zu Fuß gehen, berichten, von tiefen Erfahrungen. Worin unterscheidet sich der Hin- und der Rückweg? Getragen von der Sehnsucht nach dem Ziel sind sie nach Santiago gepilgert. Welche Sehnsucht trägt auf dem Heimweg?  Werden sie verändert daheim ankommen? Was bringen sie mit? Wie geht es weiter?

Die Fragen bleiben auch für diejenigen, die den Heimweg viel schneller mit dem Auto, dem Omnibus, der Bahn oder dem Flugzeug zurücklegen. Der Unterschied besteht darin, dass ich mir dafür eine Auszeit nehmen muss, damit die Erinnerung und auch meine Seele nachkommen können.

  • Was hat mich beim Pilgern besonders berührt?
  • Was ist mir bewusst geworden?
  • Was will ich festhalten?
  • Was wird sich auf meinen Alltag daheim auswirken?
  • Was werde ich anderen weitergeben?

Geburtstagswunsch
„Das Marschgepäck reduzieren,
frei werden vom Ballast
unnötiger Ziele,
Sorgen zusammenbündeln
Auf ein erträgliches Maß.
Die Erleichterung spüren,
wenn du keinem mehr
etwas nachtragen musst.
Die Last der alten Erfahrungen
Auf die Müllhalde kippen,
dich neuen Erfahrungen öffnen.
Das, was du wirklich brauchst,
passt in den winzigsten Beutel.
Humor bedrückt nicht,
er stützt dir den Rücken.
Liebe ist federleicht,
hat für dich kein Gewicht
in der offenen Hand.
Zärtlichkeit musst du nicht tragen,
sie trägt dich“

(Lene Mayer-Skumanz,
Quelle unbekannt)

 

Was bringe ich in den Alltag mit?

Welche Pilger-Erfahrungen kann ich in meinen Alltag übertragen? Vielleicht nehme ich mir vor, den „Rucksack“ meines Lebens, meine früheren Gewohnheiten auf ihre Stimmigkeit zu überprüfen: Was kann ich (er-)tragen? Was schleppe ich weiter? Was kann ich zurücklassen?
Vielleicht will ich empfangend leben; Zeiten für mich einplanen. Wie beim Pilgern die Pausen für mich wichtig waren, so will ich auch daheim Zeiten aussparen, in denen ich zur Ruhe kommen kann, auf mich achte, mich an Gewesenes erinnere und den Blick nach vorne schärfe.

Im dem Geburtstagswunsch von Lene Mayer Skumanz spiegeln sich Pilgererfahrungen:

 

 

Santiago de Compostela

war ein wichtiges Ziel
doch nun
erkenne –
verwandelt kehrst du heim
reich an persönlichen Erfahrungen
bist nicht mehr der gleiche,
der aufgebrochen ist,
doch die Menschen,
viele Fragen und Probleme
sind geblieben
nutze deine neue Chance –
Alles neu zu sehen
deinen neuen Erfahrungen zu trauen
mutig neue Wege zu gehen
entdecke –
nur im Weitergehen,
Schritt für Schritt
Bleibst du auf der Spur
Findest du den Sinn deines Lebens,
denn der eigentliche Pilgerweg
ist der Alltag des Lebens

(Peter Müller; vgl. den Beitrag „
Unterwegs mit Jakobus – zu sich
selbst und zu Gott“)

Heimkehren heisst weitergehen

Der Pilgerweg ist zu Ende. Das Leben geht weiter – der Lebensweg als Pilgerweg. Welches Ziel strebe ich jetzt an? Kann ich es erreichen? Oder kenne ich nur die Richtung und muss bereit sein, wie Mose auf dem Weg ins gelobte Land, das Ziel zu benennen und es auch anzustreben – auch wenn ich auf dem Berg Nebo zurückbleiben muss. Auch darin wird mein Leben ein Fragment bleiben. Aber am Fragment soll erkennbar sein, wie das Ganze gemeint ist.

„In Santiago wird in deinem Innern
Eine Glocke angeschlagen,
die künftig deinen Lebensweg begeleitet.
Und wenn sie einmal ganz verklingt,
dann wird es Zeit für dich,
erneut nach Santiago aufzubrechen.“

Aus: Erik Purk / Elisabeth Alferink:
Auf den Spuren des Jakobus,

Stuttgart 2006, S.9.

"Gruppenimpulse"