Autor: Dr. theol. Wolfgang Bittnerr

Ein Jahr liegt vor uns ausgebreitet wie eine Landschaft. Welche Wege werden wir in der kommenden Zeit zurücklegen? „Ein Tag  der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern“, schrieb der religiöse Dichter Gerhard Tersteegen. Was lange etwas altmodisch klang, ist seit einigen Jahren modern geworden: pilgern. Alte Pilgerwege werden erneuert, Pilgerheime eröffnet. Immer mehr Menschen machen sich auf den Weg, in kleinen Gruppen, sehr viele auch allein. Man bewegt sich, so schnell die eigenen Füsse tragen. Man nimmt so viel mit, wie man selbst tragen kann. Je länger man unterwegs ist, desto mehr entdeckt man dabei sich selbst.

Glaube als Nachfolge
Wie wäre es, den Weg, der vor uns liegt, als unseren je eigenen Pilgerweg zu verstehen? Uralte Motive christlichen Glaubens tauchen auf: Abraham gilt als Vater des Glaubens. Sein Weg mit Gott beginnt, als er mitten aus einem sesshaften Leben zum Aufbruch und damit zum Abschied gerufen wird: „Geh?“, wird ihm gesagt: „Geh aus deinem Vaterland, aus deiner Sippe, aus deiner Familie.“ Und Abraham ging.
Dahinter steht eine unglaubliche Radikalität. Dasselbe finden wir bei Jesus wieder. Von der Taufe an wird er bis zum Ende seines Lebens auf Wanderschaft sein. Und seine Jünger? Auch sie werden gerufen aus ihren Familien, aus ihrem Beruf. Sie lassen alles liegen und stehen, um von da an mit Jesus zu wandern. Glaube als Nachfolge hat vor allem mit unseren Füssen zu tun. Angesichts der Radikalität dieses Grundmotivs ahnen wir, wie sehr die Christenheit dazu neigt, den Ruf zum Aufbruch zu banalisieren. Evangelium wird zum Trost und zur Lebenshilfe für die, die zuhause geblieben sind. Natürlich stimmt das auch. Aber zunächst war und ist  es nicht so gemeint. Um dem für ihr eigenes Leben auf die Spur zu kommen, schlage ich Ihnen vier Sätze für das kommende Jahr vor.

Die Wüste
Erstens: Suchen Sie die Wüste im Leben, um festen Boden zu finden. Im vierten bis sechsten Jahrhundert zogen Tausende von Menschen in die Wüste, um dort als Wüstenväter und Wüstenmütter zu leben. Sie verliessen die Gesellschaft wie ein sinkendes Schiff. Warum? Sie erkannten, dass sie zunächst um ihr eigenes Leben schwimmen mussten. Erst dann, wenn sie festen Boden unter den Füssen hatte, wenn sie also auf langen Wegen der Bewährung ihre seelische und geistliche Reife gefunden hatten, waren sie fähig, die übrigen Schiffbrüchigen an Land zu ziehen. Die Wüste, in der sie nichts mehr ablenken konnte, war für sie der Ort, wo sie Gott und damit sich selbst nahe kamen. Dieser Ruf in die Wüste ist bis heute nicht verstummt. Bezeichnend ist, dass heute die Zahl der Einsiedlerinnen und Einsiedler wieder zunimmt, sowohl in der Wüste Ägyptens wie auch in Europa. Die Berichte zeigen uns Männer und Frauen, die aus einem tätigen, erfolgreichen Leben ausbrechen, um sich auf die Suche nach jener Radikalität zu machen, von der die Bibel spricht. Allein schon ihre Existenz stellt unsere Art, den Glauben zu verstehen, in Frage. Was kann ich von Ihnen lernen?

Radikale Heimatlosigkeit
Zweitens: Geben Sie der Heimatlosigkeit Raum und bejahen Sie sie. In Europa war lange Zeit die Peregrinatio stark verbreitet, eine weitere Form des Protestes gegen die Banalisierung christlicher Botschaft. Sie begann schon früh im Orient und wird uns fassbar in der iroschottischen Kirche. In ihren Klöstern in Irland und Schottland bereitete sich die Elite der jungen Männer darauf vor, das Kloster wieder zu verlassen und auf Pilgerschaft zu gehen. Hinter dieser Bewegung stand die Einsicht, man sei als Christ in dieser Welt längst heimatlos geworden. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die zukünftige, die suchen wir“ (Hebr 13,14). „Asketische Heimatlosigkeit“ hat man das genannt. Menschen gingen fort in der festen Absicht, nie mehr zurückzukehren, ja nie irgendwo wirklich anzukommen. Die Welt, so sagten sie, ist Welt Gottes. Die Menschen sind Menschen Gottes. Die Heimat aber liegt in der Ewigkeit. Unterwegs findet man Rast, aber man lässt sich nicht wirklich nieder. Und so pilgerten viele Tausende unbekannte und bekannte Menschen (vor allem in Russland), nahmen das Pilgerkleid als Busskleid, blieben da oder dort eine Zeitlang und gingen dann weiter. Was kann ich von ihnen lernen?

Wallfahrt
Drittens: Nehmen Sie den Weg, unter die Füsse, um anders zurückzukommen. Von der Form der endgültigen Pilgerschaft ist die Wallfahrt klar zu unterscheiden. Im Gegensatz zu ihr hat die Wallfahrt ein klares Ziel. Sie dauert eine vielleicht lange, aber grundsätzlich begrenzte Zeit. Ihren Ursprung hat die Wallfahrt in biblischen Zeiten. Dreimal pro Jahr wanderte man in Israel hinauf nach Jerusalem. Das fand in der Kirche seine Fortsetzung. Man wanderte nach Israel und suchte die Orte Jesu auf. Bald wanderte man zu den Gräbern der Märtyrer. Die Wallfahrt nach Rom, wo Petrus und Paulus den Märtyrertod starben, wurde wichtig. Dazu traten bedeutende Orte, die mit der Geschichte eines bedeutenden Menschen verbunden waren. Warum tat und tut man dies?
In der Wallfahrt nehme ich einen Weg unter die Füsse. Auf diesem Weg erinnere ich mich an all das, was ich auf meinen bisherigen Wegen getan habe. Unsere Sprache sagt es sehr schön: „Ich gehe in mich“. während ich unterwegs bin auf dem Weg zum Gedenkort oder gar zum Grab eines Menschen, den ich gleichzeitig lebendig um mich weiss. Da verbinde ich mich mit ihm, erfahre ihn als Vorbild und erlebe auch, wie dieser Mensch mich innerlich mitreisst. Dabei hoffe und erlebe ich, wie etwas in mir verwandelt wird. Ich bin nicht mehr derselbe Mensch, der vor einigen Tagen, vor einigen Wochen oder Monaten aufgebrochen ist. Etwas in mir hat sich verändert. Ich komme anders zurück. Was kann ich davon lernen?

Der grosse Reichtum
Viertens: Treten Sie den Weg nach innen an, um sich selbst und Gott zu begegnen. Jede äussere Reise meint eigentlich eine Reise nach innen. Die romanische Kirche mit ihrer Krypta hat mich derart berührt, weil sie Innerstes in meiner Seele zum Klingen gebracht hat. Die Landschaft, die sich vor mir öffnete, die Musik, die plötzlich aus dem Radio erklang…
Was uns berührt, das ist immer innerlich. Der Glaube schickt uns auf diesen Weg, dieses Innerste zu suchen und auch zu finden. Es ist der ganz grosse Reichtum unseres Lebens.


Zwei Zitate verschenke ich gerne auf diesem Weg nach Innen. 
„Du musst nicht über Meere reisen, 
musst keine Wolken durchstoßen 
und nicht die Alpen überqueren. 
Der Weg, der dir gezeigt wird, ist nicht weit. 
Du musst deinem Gott nur bis zu dir selbst entgegen gehen.“ 
Bernhard von Clairvaux hat das geschrieben - vor etwa eintausend Jahren. 

Ein ganz anderer und ihm doch sehr ähnlicher Mensch war Dag Hammarskjöld, schwedischer Diplomat und zweiter Generalsekretär der UNO (1953-1961). In Sachen des Friedens war er ein Weltreisender. In seinem Tagebuch findet sich der Satz: „Die längste Reise ist die Reise nach innen.“ 

Diese Reise entschlossen anzutreten, das wäre ein gutes gemeinsames Ziel für die kommende Zeit. Vielleicht begegnen wir uns dabei. Schön wäre es! 


Quellenangabe:
Bernhard von Clairvaux hat das vor etwa eintausend Jahren geschrieben. Ein ganz anderer und ihm doch sehr ähnlichen Mensch war Dag Hammarskjöld, schwedischer Diplomat und zweiter Generalsekretär der Uno (1953 – 1961). Im Dienste des Friedens war er ein Weltreisender. In seinem Tagebuch findet sich der Satz: „Die längste Reise ist die Reise nach innen.“ Diese Reise entschlossen anzutreten, das wäre ein gutes gemeinsames Ziel für dieses Jahr. Vielleicht begegnen wir uns dabei. Schön wäre es!

Dr. theol. Wolfgang Bittner ist Studienleiter und freischaffender Theologe.

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