Pilgern heißt, immer wieder aufbrechen – an jedem Tag neu.

Das tägliche Aufbrechen wird unterschiedlich gestaltet – nach gemütlichem Frühstück oder durch frühen Aufbruch, weil eine lange Etappe vor einem liegt oder es mittags heiß wird. Frühstück gibt es in vielen Gasthöfen und Hotels nicht vor 7.30 Uhr. Viele warten nicht so lange, sondern brechen bald auf und frühstücken unterwegs.
Wie auch immer: Die Füße werden viele Kilometer gehen. Sie brauchen die nötige Pflege. Das Gesicht und die Arme sind dem Wetter ausgesetzt und werden eingecremt. Was unterwegs griffbereit sein soll (Karte, Taschenmesser, gefüllte Wasserflasche) wird entsprechend verstaut.

Bewahre uns, Gott, behüte uns,
Gott, sei mit uns auf unsern
Wegen. Sei Quelle und Brot in
Wüstennot, sei um uns mit deinem
Segen.

Bewahre uns, Gott, behüte uns,
Gott, sei  mit uns durch deinen
Segen. Dein Heiliger Geist, der
Leben verheißt, sei um uns auf
unseren Wegen.

Eugen Eckert

Der frühe Morgen

Es bewährt sich, dem Tagesbeginn eine feste Gestalt zu geben.  Ein stilles oder laut gesprochenes Gebet. Die kurze Bitte: „Gott segne mich an diesem Tag!“ Ein Morgenlied, mit dem ich mich täglich auf den Weg mache, das ich leise singe oder bete.
Wer früh aufbricht, kann vor allem als Einzelpilger den heraufziehenden Tag in seiner Frische und Ruhe genießen. Ich begegne dem Tag mit offenen Sinnen. Unvergessliche Stimmungen und Bilder prägen sich in mein Herz, meine Seele und meinen Geist ein.

Den Tag mit allen Sinnen wahrnehmen

Was sehe  ich? Den Nebel, der .vom Flusshoch steigt. Die aufgehende Sonne. Wild ziehende Wolken am Himmel. Ein gelbes Ginsterfeld mit blauem Salbei. Menschen, die in den Dörfern und Gehöften ihren morgendlichen Verpflichtungen nachgehen. Pilger, die sich auch früh auf den Weg gemacht haben.
Was spüre ich? Die frische Luft in meinem Gesicht. Die Regentropfen auf meiner Haut. Die Feuchtigkeit des Nebels. Das klare Licht der Morgensonne. Die Kälte, die mich frösteln lässt. Den Fluss meines Atems.
Was rieche ich? Den Duft des Jasmins, der Akazien, des Weizenfeldes, des Kirschlorbeers. Manchmal auch den Geruch aus dem Schweine- oder Kuhstall.
Was höre ich? Die Morgenlieder der Vögel. Das Gurren der Tauben. Die eigenen Schritte. Den Hahn auf dem Mist. Von der Strasse her das Brummen von Autos.

Übung zur Sinneswahrnehmung
Um meine Sinneswahrnehmung zu schärfen, kann ich mir vornehmen, mich auf einen Sinn zu konzentrieren. An einem Morgen achte ich besonders auf das, was ich höre. Alle anderen Eindrücke bleiben für diese Zeit ausgeblendet. 
Was höre ich in meinem Umfeld? Welche Tiere? Den Wind in den Bäumen? Geräusche anderer Menschen? Maschinengeräusche auf den Feldern und Straßen? 
Welche Geräusche verursache ich selbst? Ich höre meine Schritte, meinen Atem, vielleicht sogar meinen Herzschlag.  
An anderen Tagen konzentriere ich mich nacheinander auf die übrigen Sinne.

 

Den Rhythmus finden.

Ich suche beim Gehen, meinen eigenen Rhythmus zu finden. Dabei werde ich tageszeitliche Schwankungen wahrnehmen und darauf reagieren. Ich werde mich immer wieder neu entdecken – mit meinen Möglichkeiten und Grenzen. Ich akzeptiere, wenn andere flott an mir vorbeiziehen. Ich gehe meinen Weg und achte immer wieder bewusst auf meinen Atem.

Atemübung: Um mich zu spüren, zu mir zu finden, mich zu erden, zu konzentrieren und zu stärken, kann ich folgende Übung machen:Ich lege die Hände auf meinen Bauch unterhalb des Nabels und atme ganz bewusst ein und aus. Ich nehme wahr, wie sich mein Körper füllt. Beim Ausatmen lasse ich den Atem durch die Beine und Füße in den Boden fließen. Anselm Grün empfiehlt, beim Einatmen zu sagen: „Siehe….“ und beim Ausatmen: „…. Ich bin bei Dir!“ Nach dem Ausatmen folgt eine Pause. Ich warte, bis der Atem wieder von selbst in mich einströmt.

Ich brauche meine Füße. Darum pflege ich sie am Morgen und am Abend – und auch unterwegs in den Pausen. Ich ziehe Schuhe und Wandersocken aus und gönne ihnen die frische Luft. Ich massiere die einzelnen Zehen. Rote gereizte Stellen kann ich prophylaktisch mit einem Pflaster schonen. 
Vorsicht: Unterwegs  Beine und Füße nichts ins Wasser hängen. Blasengefahr!

Gehmeditation beim Aufbruch oder bei einer anstrengenden Wegstrecke
Ich halte inne und richte meine Aufmerksamkeit auf meine Beine und Füße. Ich kann sie bewegen. Ich spüre den Kontakt zum Boden. Ich stehe fest. Die Erde trägt mich. Ich atme wiederholt bewusst ein und lasse den Atem durch Beine und Füße in den Boden fließen. Was für ein Wunderwerk sind meine Beine und Füße. Ich stelle mir ihren Knochenbau und die Gelenke vor. Sie haben mich durch viele Jahre getragen. Tagein und tagaus. Ich bin voll Zuversicht und Dankbarkeit, dass sie das auch heute tun und hoffentlich noch lange.
Ich setze meine Füße bewusst in Bewegung. Ich nehme den Untergrund wahr – den Asphalt und den Schotter, den Waldweg oder die Wiese. Ich achte darauf, wie ich auftrete, ob meine Füße gut abrollen. Welchen Untergrund bevorzuge ich? Beim bewussten Atmen achte ich auf meine Schritte, finde meinen eigenen Rhythmus und komme in Einklang mit mir selbst. 

Ich achte auf mich im Hier und Jetzt, auf die Stimmigkeit von Innen und Außen. Den Kleinigkeiten schenke ich möglichst genauso viel Aufmerksamkeit wie den größeren Begebenheiten. Pendelt sich das Gewicht auf dem Rücken mit mir ein? Muss ich etwas am Rucksack verändern.

Absprachen treffen

Wenn wir zu zweit oder dritt auf dem Weg sind oder ich als Einzelpilger eine Wegstrecke zusammen mit anderen gehe, treffen wir Absprachen: Gehen wir auf Sichtweite? Vereinbaren wir bestimmte Treffpunkte?
Es ist hilfreich, sich  über Phasen des Schweigens und des Kommunizierens zu verständigen, z.B. dass wir beim Gehen grundsätzlich nicht reden. Es ist wichtig, unterwegs Zeit zu haben für sich selbst. Gesprochen wird, wenn man stehen bleibt, um Absprachen zu treffen; vor allem aber in  den vereinbarten Pausen.

Pausen einplanen

„Warum hast du es so eilig“? fragte
der Rabbi.‚Ich laufe meiner Lebendigkeit nach“,
antwortete der Angesprochene. „Und woher
weißt du denn, dass deine Lebendigkeit vor
dir herläuft und dass du dich beeilen musst?
Vielleicht ist sie in dir - und du brauchst nur
innezuhalten!

Martin Buber, Quelle unbekannt

Ein erfahrener Pilger rät, nach jeweils einer Stunde fünf Minuten innezuhalten, den Rucksack abzulegen und kräftig durchzuatmen. Nach drei Stunden sollte man jeweils eine ausführliche Pause einlegen. 

Ich ziehe die Schuhe und Wandersocken aus und pflege meine Füße. Ich entspanne und tanke neue Kraft. Ich genieße das Brot, den Käse, die Früchte und das Wasser.
Ich notiere in meinem Tagebuch, was mich in den zurückliegenden Stunden bewegte und beeindruckte.
Ich lege immer wieder spontane Pausen ein, um die Aussicht zu genießen, mich über eine Blume oder das vom Licht durchflutete Netz einer Spinne zu freuen. Ich bleibe stehen und unterhalte mich mit einer Frau am Gartenzaun oder mit einem Bauern auf dem Feld.

Gebet beim Anzünden einer Kerze

Gott, du bist mir Vater und Mutter, im Vertrauen auf 
deine Liebe komme ich zu dir und zünde diese Kerze
an. Jesus Christus, du bist das Licht der Welt und willst,
dass andere für uns und wir für andere zum Licht 
werden. Lass dieses Licht in meinem Leben immer 
heller leuchten und gib, dass es auch den Menschen 
den Weg weist, die ich in meinem Herzen trage. 
Besonders bitte ich dich für …….  Begleite uns auf 
unseren Wegen, bis wir am Ziel unseres Lebens 
ankommen bei dir. Amen.

Weitere Kerzengebete finden Sie im Steinbruch.             

Wir trafen einen jungen Pilger, der viele Wochen unterwegs war. Er unterbrach seinen Weg regelmäßig am Samstagabend und feierte den Sonntag als Ruhetag. "Täglich suche ich einen Ort, an dem ich still werden kann. Es ist ein schönes Ritual, in einer Kirche am Weg innezuhalten. Ich lese ein Psalmwort, singe oder summe ein Lied, schweige einige Minuten".

Ich zünde in der Kirche eine Kerze an und denke an die Menschen, die mir wichtig sind.

Pilgern verweist mich auf das Maß des Menschlichen.

Unterwegs sein
Wir sind unterwegs mit Dir, Gott,
weil Du nicht auf einem Thron sitzt.
Sondern mit uns wanderst
durch Dunkel und Nässe
durch Nebel und oft ohne Weg
und häufig ohne Ziel.

Wir sind unterwegs mit Dir, Gott,
weil du nicht in den Kirchen wohnst,
sondern mit uns wanderst
in Ängsten um all die,
die nur wählen können,
vertrieben oder bombardiert zu werden.
Geh auch mit ihnen mit, Gott,
und lass uns mit ihnen gehen.

Wir sind unterwegs mit Dir, Gott,
weil wir dich nie ganz kennen
und du dich immer wieder versteckst
in einem Rosenblatt, im Lächeln eines
Penners
und so mit uns wanderst
und uns das Gehen lehrst
und das Dich Suchen.

Wir sind unterwegs mit Dir, Gott,
so dass der Weg und das Ziel eins werden
in Dir.

(Dorothee Sölle. Pilgerweg bim Kirchentag
in Stuttgart 1999, aus:Von Osten und Westen 
von Norden und Süden. Ökumenische 
Pilgerwege, missio Aachen 2000, 43)

 

Ich bin nicht abhängig von Verkehrsmitteln. Ich bestimme den Rhythmus und das Zeitmaß, in dem ich mich bewege. Ich gehe meinen eigenen Weg. Nur so weit, wie ich ihn täglich schaffe. Ich trage nur das mit mir, was ich selbst tragen kann. Pilgern lässt mich ahnen, was ich wirklich zum Leben brauche und worauf ich auch verzichten könnte.

Pilgern verweist auf das Maß des Menschlichen. Es führt mich an meine Grenzen. Hape Kerkeling beschreibt sehr anschaulich, wie er sich fühlte, als die Sonne brannte, die Beine schwer wurden und der Weg nicht enden wollte.
Pilgern verweist auf das Maß des Menschlichen – auch bei Begegnungen und in Beziehungen. Pilgern reduziert mich nicht auf mich selbst. Ich bin nicht allein unterwegs.

Vor mir sind unzählige Pilgerinnen und Pilger den gleichen Weg gegangen, mit mir sind viele unterwegs. Nach mir werden immer wieder Pilger aufbrechen. Dies zu wissen, beeinflusst mein Pilgern. Ich gehe allein und doch nicht allein. Ich entscheide über das Maß meiner Geselligkeit. Es gibt Strecken, auf denen ich allein bleiben möchte, um zu mir selbst zu kommen.  Und es gibt Zeiten und vor allem Orte, da freue ich mich über die Gemeinschaft mit Mitpilgerinnen und Mitpilgern

Der Camino bietet eine echte,fast vergessene Möglichkeit, sich zu stellen. Jeder Mensch sucht nach Halt. Dabei liegt der einzige Halt im Loslassen. Dieser Weg ist hart und wundervoll. Er ist eine Herausforderung und eine Einladung.Er macht dich kaputt und leer. Restlos. Und baut dich wieder auf. Gründlich. Er nimmt dir alle Kraft und gibt sie dir dreifach zurück. Du musst ihn alleine gehen, sonst gibt er sein Geheimnis nicht preis.
Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg, 2006, 342f

 

"Wahrnehmen"