Unser leiblicher Lebensweg
Unterwegs sind wir nach unserer Zeugung schon im Mutterleib, umschreibt doch eine volkstümliche Redewendung das Schwangersein einer Frau sehr schön mit "Es ist etwas unterwegs". Und das neue Geschöpf verlässt dann in der Regel nach neun Monaten den Bauch der Mutter und beginnt das irdische Dasein mit einem kräftigen Schrei. Da liegt das zarte Neugeborene am Anfang seines Lebensweges nacht und hilflos da und wird alsbald in eine Wiege oder ein Kinderbettchen gelegt. Im Gegensatz zu vielen Tieren sind wir Menschen im wahrsten Sinn des Wortes Nesthocker und deshalb noch ganz auf die Milch und Fürsorge der Mutter angewiesen. Ohne die elterliche Hege und Pflege würden wir kaum überleben. Doch schon nach kurzer Zeit macht sich der menschliche Bewegungsdrang bemerkbar und die süssen Babies landen flugs im Kindergatter. Da stossen die Kinder dann zum ersten Mal an Grenzen, auch wenn sie sich noch auf allen Vieren rollen und trollen.

Im Alter von zwölf bis achtzehn Monaten lernen wir dann, auf den Füssen zu stehen und uns aufrecht fortzubewegen. Aus einer anderen Optik erleben und erfahren wir nun Dinge, Mitmenschen und Tiere. Wie lustig ist es, wenn ein Knirps jetzt mit einem Kätzchen spielt oder einem Hund nachrennt! Die Schritte der Kleinen sind indes oft noch ungelenk und unsicher.

Etwa ab dem sechsten Lebensjahr bewegen wir uns auf unserem Lebensweg nicht mehr zu Fuss, sondern brauchen fortan das Fahrrad als bequemes Fortbewegungsmittel. Wie unabhängig man sich doch damit als Schülerin oder Schüler fühlt!  Zu Fuss zur Schule gehen doch böse gesagt nur die Blinden und Lahmen. Und bald einmal fahren die Teenager ihren jüngeren Schulkameradinnen und Kameraden nur allzu gern um die Ohren. Die Erkundung des Lebens und der Welt findet nicht mehr nur auf den eigenen zwei Beinen, sondern zunehmend auf zwei Rädern statt. Und es ist nur eine Frage von ungefähr vier Lebensjahren, bis die meisten der Jungen auf vier Rädern gleichsam auf die grosse Strasse des Lebens einbiegen. Man ist doch bei uns erst jemand, wenn man ein Auto lenken kann! Wenn der moderne Mensch jetzt unterwegs ist, braucht er seine Füsse nicht mehr so zum Marschieren und Wandern, sondern zum Gasgeben und Bremsen. Mit den Füssen geben wir im Zeitalter des Individualverkehrs und Massentourismus unserem Leben gleichsam den nötigen Kick, leider oftmals auch den letzten, tödlichen Stoss! Das heisst im Klartext Strassentod! Zeitgemäss könnte man beim Begräbnis von Menschen, die unterwegs zur Arbeit oder in die Ferien mit ihrem Vehikel dem Tod erlegen sind, den schönen Song
"Take me home country roads" anstimmen, wenn wir noch Zeit hätten, um die Toten zu trauern. Doch statt dessen werden diese heutzutage in schwarzer Limousine am liebsten vom Spital direkt in die Aufbahrungshalle oder gar ins Krematorium gefahren. In der Horizontalen und der Todesstarre rollen wir also flott weiter im vierrädrigen Untersatz!

Kaum jemand hat nämlich heutzutage weder Lust noch Zeit, dem lieben Verstorbenen das letzte Geleit zu geben und so die Trauer über den schmerzlichen Verlust zu Fuss bereits ein gutes Stück zu verarbeiten. Dabei täte Gehen in dieser gedrückten Stimmung nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele sehr gut!

Unser geistiger Lebensweg


Wir Menschen sind aber ein Leben lang auch geistig unterwegs und suchen nach dem Sinn des Daseins. Auf ausgedehnten Spaziergängen und langen Wanderungen finden wir diesen viel eher als im täglichen Getriebe und Gehetze des Strassenverkehrs. Wenn wir nämlich zu Fuss unterwegs sind, können wir mit unseren Gedanken noch Schritt halten oder bei Bedarf eine Rast einlegen. Und eine Pause zur rechten Zeit wirkt vielfach Wunder: Die Füsse bringen uns zu uns selbst zurück und näher zu Gott. Die Schriftstellerin Silja Walter drückt dies im Gedicht mit dem sinnigen Titel "Vagantenlied" so poetisch aus, dass die beiden nachstehenden Strophen für alle Wanderfreudigen zum Vademecum werden sollten. Sie lauten folgendermassen:

Wir ziehen durch den späten Tag
am gelben Mond vorbei.

In Knöchel, Knie und Herzen trag'
ich süsse Taumelei.
Wir wallen weit. Ich sing' dazu.

Und aller Tanz und Trott
verklingt und klappert ohne Schuh
am Mond vorbei zu Gott.

Wir sind also im positiven Sinn Vaganten - das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie Herumstreifende - , wenn wir uns am Vorabend eines neuen Jahrtausends zur Wanderschaft auf dem Jakobsweg aufmachen. Als Pilger sind wir ja auch immer auf dem Weg zu Gott und zu uns selbst. Dass wir dabei oft abschweifen, allerlei Ungemach erleben und in die Irre gehen können, wissen wir schon aus dem Alten Testament vom Stammvater Jakob. Doch schon ihm war der Sternenhimmel ein zuverlässiger Wegweiser, als er seine Heimat verlassen musste. Und auch die drei Weisen aus dem Morgenland orientierten sich sowohl auf dem Weg zum Jesuskind im Stall von Bethlehem als auch auf der Flucht vor König Herodes am Sternenhimmel. So sind auch wir auf dem Jakobsweg selbst in der grössten Not nicht allein.

Wer sich heutzutage auf den Jakobsweg, notabene auf die älteste Kulturstrasse Europas, begibt, ist wie gesagt auch immer auf dem Weg nach innen. Ob man als Jakobspilger schliesslich in Santiago de Compostela an der spanischen Atlantikküste ankommt oder nicht, ist letztlich von geringer Bedeutung. Wichtig ist der Weg und nicht das Ziel! Der Jakobsweg führt ja durch so abwechslungsreiche Gegenden wie den Thurgau und die Innerschweiz ins schöne Berner Oberland oder in Nordspanien durch die fruchtbare Umgebung von Navarra, wo sich die grosse Pilgerschar mit den herrlichen Weinen dieser Gegend für die letzte lange Etappe des Camino, wie der Jakobsweg dort heisst, stärken kann. Überall Labsal für Leib und Seele!

Mit Gleichgesinnten oder mit Pilgern unterwegs sein heisst auch, mit andern Menschen in die gleiche Richtung zu gehen. Das vereint und stärkt: Gemeinsam ist man stärker; gemeinsam erreicht man auch eher das Reiseziel. Man hat so eine verlässliche Stütze und Hilfe bei Unannehmlichkeiten auf dem langen Jakobsweg: Hunden am Wegrand, in den Pyrenäen vielleicht sogar Wölfen sowie Unbilden des Wetters wie Schneestürmen oder sintflutartigen Regenfällen und plötzlichen Krankheiten ist man so viel weniger ausgesetzt. Möglicherweise ist es ja meine Pilgergefährtin oder mein Wegkamerad, der mich anspornt, den mühsamen Weg vom Bodensee über das Hörnli und den Etzel zum Kloster Einsiedeln oder " kurz vor dem Reiseziel " die Durststrecke in Galizien durchzustehen. Unterwegs werden wir offen, teilen dem Weggefährten gerne eigene Nöte und Lebenserfahrungen mit und nehmen Anteil an dessen Freud und Leid. Dank und Respekt seinem Mitmenschen gegenüber stellen sich da von selbst ein.

Im Innersten haben wir wohl alle ein stilles Sehnen nach jenem goldenen Land, wo Milch und Honig fliessen; wo niemand dem Ruhm nachjagt; wo Heldentum, Neid, Hass und Krieg unbekannt sind; und wo nicht Regenten und Generäle, sondern jene den höchsten Rang haben, die ihr Leben lang ein Mensch zu sein verstanden. Doch dieses Eldorado liegt nicht am Weg der Wirklichkeit. Es zu suchen ist wohl für die Tausenden von Pilgern Beweggrund genug, ein kürzeres oder längeres Wegstück des Jakobsweges unter die Füsse zu nehmen.

Mit Gleichgesinnten unterwegs sein, bedeutet neue Kraft und frischen Mut zum Leben und Lieben zu schöpfen. Und dadurch finden wir nach unserer Wanderung durch Raum und Zeit vielleicht schliesslich sogar die Kraft, mit einem Lächeln auf den Lippen der Welt für immer Adieu zu sagen.

Jakob Salzmann