EmmanuelReferat in Eugendorf anlässlich eines Projekttreffens des europäischen Jakobsweges in Eugendorf, 25. Sep. 2008 




Die Aufgabenstellung zum Referat von Toni Winterseteller hat gelautet, die Spiritualität des Pilgerns unter besonderer Berücksichtigung der christlichen Spiritualität zu beleuchten und darzustellen. Lebendigmachender Geist als Ausdruck der Spritualität beseelt den Mensch und damit auch die Pilgerwege.

Persönlicher Zugang zum Thema:

- Leidenschaftlicher Pilger
- Unser Kloster liegt an einem alten Pilgerweg (Geschichte der Klostergründung)
- Unsere Gemeinschaft hat das Pilgern entdeckt (1x/Jahr 3 Tage Pilgern)
-  Zuständig für die Betreuung der Pilger im Kloster

Mein Bezug als Benediktiner zu diesem Thema der Spiritualität des Pilgerns, ist ein etwas spannungsreicher. Als Benediktiner muß ich natürlich im ersten Schritt versuchen eine Verbindung des Pilgerns mit der Regel und der Spiritualität des heiligen Benedikt herzustellen. Leider gibt es in der Regel kein Kapitel wo auf das Pilgern als spirituelles Tun der Mönche hingewiesen wird. Er schreibt den Mönchen nicht vor, dass Sie ein Mal im Jahr nach Rom oder Jerusalem pilgern sollen.

Indirekt finden wir aber in der Regel einen Hinweis auf die Pilgerpraxis seiner Zeit. Im Kapitel der Arten der Mönche und im Kapitel der Aufnahme der Gäste beschreibt Benedikt Typen von Pilgern die ihm begegnet sind.

Im Kapitel der Arten der Mönche wird die Skepsis gegenüber einer Art von pilgernden Wandermönchen sehr deutlich. Er nennt sie wörtlich:

„ eine ganz widerliche Art von Mönchen die ihr Leben lang landauf und landab ziehen und sich für zwei bis drei Tage in den Klöstern niederlassen. Immer unterwegs und nie beständig sind sie Sklaven der Launen ihres Eigenwillens und der Gelüste ihres Gaumens.“(RB1,10)

So schreibt dies der heilige Benedikt in seiner Regel. Eine klare und eindeutige Botschaft gleich am Anfang seiner Regel.

Das ist die eine Seite des Pilgerns. Die andere Seite begegnet uns im Kapitel der Aufnahme der Gäste. Dort schreibt Benedikt

„Allen Gästen erweise man die angemessene Ehre, besonders den Brüdern im Glauben und den Pilgern.“ (RB53,2)

In diesem Kapitel beginnen ganz andere Töne zu klingen.  Besonders den Pilgern soll man Ehre und Ehrfurcht entgegenbringen. Hier wird der hohe Stellenwert die die Pilger bei Benedikt genießen deutlich.

Aus der Regel und der Erfahrung des heiligen Benedikt können wir lernen, dass es in uns zwei Typen von Pilgern gibt. Zum einen den Gyrovagen, der in seinen eigenen Grenzen gefangen bleibt und im Pilgern nur die egoistische spirituelle Selbstbefriedigung sucht. Zum anderen den Pilger, der im Pilgern Hingabe-  und Beziehungsfähigkeit sucht, die Grundlage einer lebendigen Spiritualität ist.

In der Regel steht sonst nichts zum Pilgern. Gott sei Dank kann und darf ich mich als Benediktiner auf die heilige Schrift beziehen, sonst müsste ich mit meinem Referat schon aufhören.

Daher möchte ich mich nun auf zentrale Schriftstellen und Bilder des NT Bezug nehmen, die eine christliche Spiritualität des Pilgerns begründen.

Es gibt im Lukasevangelium drei Stellen auf die ich mich beziehe:

Besuch Marias bei Elisabeth (Lk1,39-56); Die Verklärung Jesu (Lk9,28-36); Die Begegnung mit dem Auferstandenen auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24,13-35)

Alle 3 Stellen haben folgendes gemeinsam:

1.    Menschen machen sich auf einen Weg: Maria geht in das Bergland von Judäa; Jesus geht mit Petrus, Johannes und Jakobus auf einen Berg; Zwei Jünger gehen einen Weg ins Dorf Namens Emmaus
2.    Sie kommen an einen Ort: Maria im Haus des Zacharias; Jesus und seine Jünger am Gipfel des Berges; Die Jünger und Jesus in einem Haus in Emmaus
3.    An diesem Ort kommt es zu einer Begegnung: Maria begegnet Elisabeth; Die Jünger begegnen Jesus, Mose und Elia; Die Emmausjünger begegneten einem Unbekannten auf dem Weg
4.    In dieser Begegnung kommt es zu einer Gotteserfahrung: Im Leib von Maria hüpfte das Kind vor Freude, weil es Jesus begegnet; Jesus offanbart sich den Jüngern als der Auferstandene in der Verklärung; Im Teilen des Brotes, im öffnen der Augen und im brennenden Herzen erkennen die Emmausjünger den Auferstanden.
5.    Sie kehren wieder zurück: Maria kehrte nach Hause zurück; Jesus, Petrus, Johannes und Jakobus stiegen wieder vom Berg herunter; Die Emmausjünger kehrten nach Jerusalem zurück.

Was können wir nun aus diesen drei Geschichten für die Spiritualität des Pilgerns und die spirituellen Erfahrung auf dem Pilgerweg lernen:

Für eine spirituelle Erfahrung braucht es einen Weg und einen Ortswechsel
Der Grund warum heute immer mehr Menschen zu pilgern beginnen ist nicht nur eine Modeerscheinung. Bewußt oder unbewußt spüren die Menschen, dass es zu einer sprirituellen Erfahrung, nach der sich viele Menschen heute sehnen, einen Weg braucht. Das ist zutiefst biblisch und christlich. Ich glaube, dass wir das in unserer Kirche und in unseren christlichen Glaubensgemeinschaft vergessen haben.

Wir als Christen müssen aufpassen, dass wir nicht zu einer Sitz- und Sitzungsgemeinschaft verkommen.
Das widerspricht zutiefst dem Grundcharakter des Christseins. Christsein bedeutet zuerst in einer Nachfolge stehen.

Jesus sagt nicht: „Bleib sitzen wo du bist“.
Er sagt auch nicht „Folge Dir nach.“
ER sagt : „Folge mir nach.“

Als Christ und Christin muß ich daher für 3 Dinge bereit sein:

1.    Ich muß bereit sein einen Weg zu gehen
2.    Ich muß bereit sein das EGO loszulassen
3.    Ich muß bereit sein mein Leben nach dem Leben und der Botschaft Jesu auszurichten

Bereit zu sein einen Weg zu gehen bedeutet sich auf einen Ortswechsel einzulassen
Jesus zieht sich vor seinem öffentlichen Wirken zurück in Einsamkeit und Abgeschiedenheit der Wüste.
Maria geht zu Elisabeth.
Jesus steigt mit seinen Jüngern auf einen Berg.
Zwei Jünger gehen von Jerusalem nach Emmaus.

Im Gehen vollzieht sich ein Ortswechsel.  Als Vorbereitung auf eine spirituelle Erfahrung braucht es einen Ortswechsel.  Darum ziehen sich heute Menschen in ein Kloster oder geistliches Zentrum zurück. Sie begeben sich an einen anderen Ort um dort zu Fasten, zu Schweigen und zu Beten. Im Pilgern begebe ich mich ebenfalls an einen anderen Ort. Das Pilgern selbst aber auch das Ziel auf das ich mich hinbewege zwingt mich zu einem Ortswechsel. Gewohntes, alltägliches, vertrautes lasse ich hinter mir um mich neuen Erfahrungen und Begegnungen zu öffnen.

Ich habe Pilger befragt warum sie pilgern. Was der Beweggrund ist. Was der Grund der sie auf den Weg bringt.

Dabei bin ich auf verschieden Motive gestoßen und möchte die Pilger nun selbst sprechen lassen Motive:

-    Ich überlasse mich IHM und freue mich was der Weg mir zeigen wird (aus unserem Pilgerbuch auf dem Via Nova Weg)
-    Ein Ehepaar schreibt: Kommen aus Telfs in Tirol unterwegs nach Bischofshofen (Rupertusweg) auf dem Weg zu uns SELBST und zu unserer SPIRITUALITÄT. Vorbereitung auf den Jakobsweg 2010. Gottes Segen und Energie möge uns begleiten (Aus unserem Pilgerbuch)
-    Am Via Nova Pilgerweg unterwegs – 3 Gottsuchende (aus dem Pilgerbuch)
-    Danke, dass du mich auf diesen Pilgerweg „geschickt“ hast. Öffne mir die Augen, lass mich mich selbst wieder finden und die richtige Entscheidung treffen. Danke, dass ich mein Leben vertrauensvoll in deine Hände legen kann (Aus dem Pilgerbuch)
-    Eine Frau die mich in dieser Woche wegen eines Pilgersegens angerufen hat habe ich ebenfalls nach ihrer Motivation gefragt. Sie geht jedes Jahr im Herbst von Wiener Neustadt nach Mariazell um für das vergangene Jahr zu danken. Heuer zieht sie nach Bad Ischl und als Beginn für den neuen Weg möchte sie mit bekannten den Rupertusweg gehen.
-    Ein Ehepaar geht miteinander den Jakobsweg als Vorbereitung ihrer Hochzeit. Ebenso ein Mann, der sich für den Weg als Priester entschieden hat. Er geht ebenfalls den Jakobsweg bevor er in das Priesterseminar eintritt.
-    Ein Mann geht den Jakobsweg, weil er ein Gelöbnis abgelegt hat. Sein Sohn wurde nach schwerer Krankheit gesund.

Aus diesen Motiven wird deutlich, dass bei einem größeren Teil der Pilger eine spirituelle Motivation für das Pilgern zu finden ist. Bei einem anderen Teil der Pilger werden die Motive nicht explizit als spirituell ausgedrückt. Interessant ist aber, wenn man bei den Pilgern noch einmal weiter nachfragt, dass dann oft spirituelle Motive auftauchen.

So war es auch bei einem Benediktinermönch. In der Vorbereitung auf dieses Referat habe ich mit ihm über seine Jakobswegerfahrungen gesprochen. Er ist den Jakobsweg schon vor 20 Jahren gegangen. Zwei Wochen war er unterwegs. Auf die Frage nach dem Beweggrund antwortete er mir sehr schnell: „Er wollte wissen, wie wenig er für das Leben in den 2 Wochen braucht, weil das zweiwöchige Pilgern auf diesem Weg zur Reduktion zwingt.“ Ich habe ihn dann nochmals gefragt, ob das der einzige Grund war, warum er diesen Weg gegangen ist. Er antwortete dann etwas zögerlich, dass er zwei Intention auf den Weg mitgenommen hat. Die eine betraf ein Gnadenbild aus dem Kloster aus dem er kam. Es wurde gestohlen. Für ihn war Pilgern auch Ausdruck der Bitte an den heiligen Jakobus, dass dieses Gnadenbild wieder auftaucht. Die andere Intention betraf die Bitte einer Schülerin an ihn. Sie war krebskrank. Die Schülerin bat den Mönch, dass er für sie um Gesundung und Heilung auf diesem Weg und am Grab des Hl Jakobus beten solle. Er tat es. Wie diese Geschichte ausgegangen ist, werde ich ihnen an späterer Stelle erzählen.

Willst Du eine spirituelle Erfahrung machen so musst du einen Weg gehen. Das ist eine der Weisheiten die wir aus den drei Bibelstellen lernen könne.

Es braucht aber nicht nur einen Weg, sondern auch Orte.


Für eine spirituelle Erfahrung braucht es Orte der Begegnung

Orte gelebter Gastfreundschaft
Maria kehrt ein in ein Haus. Sie wird in diesem Haus gastfreundlich von Elisabeth empfangen. So wie Maria bei Elisabeth aufgenommen wurde, so werden auch heute viele Pilger auf ihrem Weg gastfreundlich von Menschen aufgenommen und angenommen. Gastfreundschaft kann zu einer beseelenden Erfahrung werden.

Beispiele:
Pilger am Via Nova Weg, Pilgerbegleiter Franz Muhr; haben freudestrahlend vom herzlichen Empfang und dem gemeinsamen Essen erzählt. Ich selbst habe diese Gastfreundschaft ebenfalls schon genossen. Es sind unvergessliche Erlebnisse und Erfahrungen auf dem Weg.

Oder die Erfahrung von uns Brüdern heuer bei unserem Pilgerweg. Wir sind von Altmünster in 3 Tagen nach St. Wolfgang gegangen. Als ich die Herbergen reserviert habe, hat die eine Frau zu mir gesagt, dass es für sie eine Ehre ist wenn wir als Pilger bei ihr übernachten. Es hat mich sehr berührt. Keine Belastung für den Gastgeber zu sein, sondern ein willkommener, sogar geehrter Gast. Diese Ehrfurcht kann man sich nicht kaufen. Es sind die beseelenden Erfahrungen der Gastfreundschaft auf dem Weg.

Deswegen haben gerade all jene Verantwortung, die diese Orte an den Wegen schaffen und für sie verantwortlich sind. Ich weiß das die finanziellen Überlegungen bei der Schaffung von Pilgerwegen eine wichtige Rolle spielen für die Gemeinden die am Weg liegen. Die Herzlichkeit gelebter Gastfreundschaft, die man nicht kaufen kann, darf da nicht auf der Strecke bleiben.


Orte des Gebets und der Einkehr
Jesus geht mit seinen Jüngern auf einen Berg um zu beten. Es ist ein Bild für die Begegnung zwischen Gott und dem Menschen. Auf Pilgerwegen begegnet der Pilger immer wieder Orten und Plätzen in der Natur oder in einer Kirche die zur Einkehr, zum Gebet, zum Still werden und zur Begegnung mit Gott einladen. Pilger erzählen mir immer wieder, dass es an Pilgerwegen immer wieder Plätze und Kirchen gibt, an denen man ganz leicht beten kann. Es ist als ob der Ort selbst schon betet, und ich mich nur öffnen brauche um in den Strom des Gebets einzutauchen. Ich glaube, dass das Gehen sensibler macht für das erspüren dieser Orte. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, kann man die Landschaft und den Weg nicht spüren. Das Auto und die Geschwindigkeit schafft eine Distanz zwischen mir und der Umgebung. Das Gehen bringt mich aber intensiver mit dem in Verbindung was mich umgibt. Das Gehen fördert die Offenheit schärft die Sinne.

Offenheit für die zufälligen Begegnungen am Weg

„Ich überlasse mich IHM und freue mich was der Weg mir zeigen wird“

Auf Gott vertrauen und darauf Vertrauen, dass ich am Weg Wegweiser antreffen werde die eine Botschaft für mein Leben bereithalten. Die Frau spricht eine biblische Wahrheit aus. Durch die zufälligen Begegnungen am Weg können sich Gotteserfahrungen ereignen. Genauso ging es den Emmausjüngern. Sie gehen miteienander einen Weg. Auf diesem Weg kommen sie in ein Gespräch und ein dritter unbekannter kommt dazu. Er tritt mit ihnen in Kommunikation. Er hat eine Botschaft für sie. Ob ich diese Botschaft auch wahrnehme, annehme und aufnehme liegt an meiner Achtsamkeit und Offenheit. Ich möchte ihnen dazu eine Geschichte erzählen die sich am Jakobsweg ereignet hat:

Es ist die Geschichte einer Frau die den Jakobsweg gegangen ist. Sie ist Atheistin, weil sie in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist. Sie glaubt nicht an Gott, geht aber trotzdem den Jakobsweg. Wie es der Zufall will verletzt sie sich am Fuß, sodass sie von einer Frau verarztet  werden musste. Nach der Behandlung sagte die Frau zu ihr, dass sie für sie am Grab des Hl. Jakobus beten solle. Sie können sich vorstellen, was das für die Atheistin bedeutete. Sie die nicht an Gott glaubt, soll plötzlich für eine Frau am Grab des Hl. Jakobus beten. Leider weiß ich nicht wie diese Geschichte ausgegangen ist. Ob sie für sie gebetet hat, ob sie durch diese Begegnung den Glauben gelernt hat weiß ich nicht. Alleine die Herausforderung druch diese Bitte in der zufälligen Begegnung spricht für sich.

Solche zufälligen Begegnungen können Menschen verändern. Sie können sogar auch manches auf den Kopf stellen. So wie es mir passiert ist bei der Begleitung einer Pilgergruppe über den Falkenstein.

Dort gibt es eine Kapelle mit dem Schlupfstein. Man muß als Pilger durch den Schlupfstein kriechen. Es ist ein Symbol für Neugeburt. Wenn man durchschlüpft fühlt man sich wie in einem Geburtskanal. Wir haben das Ritual gemacht. Ich stelle mich dabei immer an des Ende des Schlupfsteines um den Pilgern wie eine Hebamme behilflich zu sein. Wie es der Zufall will habe ich die letzte Teilnehmerin übersehen. Ich bin wieder in die Kapelle zu den anderen Teilnehmern nach unten gegangen. Plötzlich höre ich in der Höhle nach dem Schlupfstein Geschrei und Steingepolter. Ich habe mir nur gedacht, schnell hinauf in die Höhle, da braucht wer meine Hilfe. Beim Eingang zur Höhle gibt es einen Hüfthohen Sockel, den man überwinden muß. In der Hektik und Eile bin ich mit einem Fuß an diesem Sockel hängengeblieben. Kopfüber bin ich auf den Boden aufgeprallt. Zuerst habe ich nur Sterne gesehen. Mir ist klar geworden, dass ich beim Rettungsversuch mir fast den Schädel eingeschlagen hätte. Gott sei dank bin ich mit einer Schramme und einem blauen Auge davongekommen. Die Teilnehmerin taucht wieder von selbst auf. Sie ist leider die falsche Richtung weiter gegangen, sodass sie in einen kurzen Seitenarm der Höhle gekommen ist. Dort ist sie nicht mehr weitergekommen.
Ein Jahr darauf bin ich ihr wieder begegnet. Sie sagte zu mir, dass die Erfahrung beim Schlupfstein ihr Berufleben verändert hat. In der Höhle, als sie nicht mehr weiter konnte hat sie ganz klar gesehen, dass es die gleiche Situation ist wie in ihrem Beruf. Es muß sich etwas ändern, sie muß umkehren. Die Veränderung und Umkehr zeigte sich darin, dass sie den Arbeitsplatz wechselte. Jetzt ist sie mit ihrer Situation und Arbeit glücklich.
Weiters erzählte mir die Frau, dass diese Erfahrung am Pilgerweg für sie eine spirituelle Erfahrung war. Im Augenblick der Umkehr in der Höhle ist ihr plötzliche ganz klar vor Augen gestanden, dass der Weg den sie in der Arbeit geht in eine Sackgasse führt. Sie muß auch im Alltag umkehren.

In dieser Erfahrung wird deutlich, dass eine sprituelle Erfahrung auf einem Pilgerweg in den Alltag hineinführt. Sie hat verwandelnde und verändernde Kraft. Sie ist nicht weltabgewandt und abgehoben. Ich muß nicht ein Engel sein, der einen halben Meter über dem Boden dahinschwebt um eine geistliche Erfahrung zu machen. In meinem Menschsein, im Verwurzelt sein, im Stehen mit beiden Beinen auf dem Boden meiner Realität ereignet sich Gotteserfahrung.

Zusammenfassend kann einmal festgehalten werden:

Für eine spirituelle Erfahrung beim Pilgern braucht es biblisch gesprochen einen
            WEG
            ORTSWECHSEL
            ORTE DER BEGEGNUNG
            OFFENHEIT FÜR DAS WAS MIR AM WEG ZUFÄLLT    

Wie sich eine spirituelle Erfahrung ereignet, Was das überhaupt ist? Und welche Auswirkung sie hat? Darüber haben wir noch nicht gesprochen.

Im Blick auf die Schriftstellen kann zur spirituellen Erfahrung folgendes gesagt werde:

1. Eine spirituelle Erfahrung kann vom Menschen nicht gemacht werden. Sie ist immer Geschenk die sich in Beziehung und Begegnung ereignet.

Das das Kind im Leib der Elisabeth vor Freude zu Hüpfen beginnt ist nicht ihr verdienst. Das Kind hüpft weil es im Leib von Maria den Retter und Erlöser erkennt. Dass sich Jesus am Berg Tabor verklärt, machen nicht die Jünger weil sie so fromm beten. Im Gegenteil sie schlafen. Auch das ist Geschenk. Dass die Jünger den Auferstanden in im Brechen des Brotes erkennen haben sie nicht gemacht. Im Gegenteil sie waren Blind. Dass sie plötzliche sehen konnten hat nichts damit zu tun, dass sie eine Augenoperation vorgenommen haben. Dass sie sehen und erkennen konnten war Geschenk.

2. Eine spirituelle Erfahrung verwandelt und verändert.

Die Jünger die traurig von Jerusalem nach Emmaus gegangen sind, kehren mit Hoffnung, Freude und Zuversicht nach Jerusalem zurück. Das Licht das von Jesus ausgeht erleuchtet die Dunkelheit und den Schlaf der Jünger. Traurigkeit kann in eine tiefe Freude verwandelt werden, wenn das innere Kind in mir wieder vor Freude zu hüpfen beginnt. Der heilige Benedikt spricht vom weiten Herzen das man bekommt wenn man einen spirituellen Weg geht. Die Enge des Herzens verwandelt sich in Weite. Da wo vorher Angst das Herz eingeschnürt hat, wird es im Gehen eines Weges weit.

3. Eine Erfahrung braucht die Deutung damit sie zu einer spirituellen Erfahrung wird
Grundsätzlich muß man sagen, dass jeder Pilger auf dem Weg Erfahrungen macht. Es hängt nicht davon ab ob ich nun religiös bin oder nicht. Ob und wie diese Erfahrungen dann zu einer spirituellen Erfahrung werden hängt vom religiösen Bezugspunkt des Pilgers ab. Ein Buddhist wird eine Erfahrung anders Deuten als ein Jude. Ein Moslem oder ein Atheist wird die Erfahrung nach seinem jeweiligen religiösen Bezugspunkt deuten. Wenn ich von einer christlichen Spiritualität des Pilgerns ausgehe, dann ist der erste Bezugspunkt der Deutung die Heilige Schrift. Da sehe ich die große Chance und die Aufgabe der Pilgerbegleiter und Begleiterinnen. So wie Jesus mit den Emmausjüngern einen Weg geht und ihnen im Gespräch den Sinn der Schrift erschließt, so sehe ich die Aufgabe der Pilgerbegleiter und Begleiterinnen. Sie sind dafür verantwortlich den Teilnehmern durch ihre Impulse und ihre Begleitung einen religiösen Bezugsrahmen anzubieten, sodass sich für die Pilger der Sinn ihrer Erfahrung im Lichte der Botschaft Jesu erschließen kann. Es geht nicht darum die Botschaft den anderen aufs Auge zu drücken, sondern eine Verbindung zwischen den Erfahrungen am Weg und der Botschaft Jesu herzustellen.
Als Pilgerbegleiter soll man mit seiner Botschaft nicht den WEG verstellen, sondern den WEG begleiten und religiöse Zugänge eröffnen. Die Er-fahrungen auf dem WEG bieten dafür viele Möglichkeiten.

4. Eine spirituelle Erfahrung führt zurück in den Alltag

„Wer in Gott eintaucht, taucht beim Menschen wieder auf.“ (P.M. Zulehner)

Eine spirituelle Erfahrung, eine Gotteserfahrung führt in den Alltag zurück. Maria kehrt nach einem Aufenthalt bei Elisabeth wieder nach Hause zurück. Jesus steigt mit seinen Jüngern vom Berg herunter. Die Emmausjünger kehren wieder nach Jerusalem zurück.
Früher war es beim pilgern üblich, nach erreichen des Zieles wieder den Weg nach Hause zurückzukehren.
Wer den Weg in den Alltag vermeidet, für den ist und bleibt eine spirituelle Erfahrung nur eine Selbstbefriedigung. Dies hat Benedikt bei den Wandermönchen kritisiert, weil sie den Alltagsbezug verloren hatten. Gotteserfahrung braucht den Alltag. Genauso wie Gebet den Alltag und die Arbeit braucht. Beides gehört zusammen und befruchtet sich. Das was mir am Pilgerweg geschenkt wird, muß sich im Alltag bewähren. Nicht die spirituelle Erfahrung allein ist das Ziel christlicher Spiritualität. Das Leben und der Alltag, mein Tun und Handeln muss durchdrungen sein von dieser Erfahrung.


Ich vergleiche so einen Pilgerweg wie eine Tauferfahrung. Man taucht in den Raum des Pilgerns ein und steigt verändert und verwandelt wieder heraus. Man kehrt anders zurück als man weggegangen ist.

Der Pilgerweg den das Ehepaar als Vorbereitung für ihre Hochzeit gegangen ist, schenkt ihnen sicher wesentliche Erfahrungen und Einsichten. Das Bild des Miteinander unterwegsseins in der Ehe muß aber im Alltag gelebt werden. Das gemeinsame Gehen eines Pilgerweges kann die Beziehung immer wieder bekräftigen und bestärken, aber den Alltag der Beziehung nicht ersetzen.

5. Eine spirituelle Erfahrung macht die Pilger zu beseelten Boten des Weges

Die Emmausjünger kehren nach Jerusalem mit einer Botschaft zurück. Sie müssen sie dort verkünden. Ihre Botschaft des Weges ist der Auferstandene. Jeder Pilger der vom Weg beseelt zurückkehrt ist Bote für den Weg. Ich glaube die meisten Pilger die sich auf den Weg machen, tun dies weil sie von den beseelenden Erfahrungen des Weges durch andere Pilger und Pilgerinnen gehört haben. Die erzählten Erfahrungen sind oft antsteckend, sodass ich mich selbst auf den Weg mache, um mich vom Weg beseelen zu lassen.

Insofern stimmt der Titel des Vortrags „ Der Mensch beseelt die Pilgerwege“

Übrigens habe ich noch etwas vergessen, was ich ihnen am Anfang versprochen habe. Den Ausgang der Geschichte mit dem Benediktinerpater. Ausgangspunkt war das gestohlene Gnadenbild des Klosters und die krebskranke Schülerin……….

Br. Emmanuel Hessler, Diakon